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Tipp: “Das Berliner Stadtschloss – Prestigeobjekt oder Forum interkultureller Kommunikation?”

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Von Alexa Lässig

Fast zwei Jahrzehnte wurde über die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses debattiert und viel Kritik an diesem Plan geäußert. Die Kritik ist nicht verstummt, doch ist aus den Plänen inzwischen Realität geworden: Vor knapp zwei Jahren, am 12. Juni 2013, legte Bundespräsident Gauck den Grundstein für das neue alte Preußen-Schloss in der Mitte Berlins. Die Dokumentation Unterwegs zu den Kulturen der Welt des ZDF beleuchtet die Hintergründe und Argumente der Verfechter und Gegner des Stadtschloss’.

Während die Außenfassade den historischen Glanz wiederspiegelt, wird der Anbau modern gestaltet. Der Architekt Franco Stella möchte hier Altes und Neues sensibel miteinander verbinden. Dies will er nicht nur in der Außenfassade tun, sondern auch in der Gestaltung und der Philosophie der Institutionen, die im historischen Gemäuer des Schlosses ein international einzigartiges Zentrum für Kunst, Kultur, Wissenschaft und Bildung schaffen möchten – das Humboldt-Forum. Getragen wird es von der Humboldt-Universität, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Berliner Landes- und Zentralbibliothek. Die drei Institutionen, die sich als “Nutzergemeinschaft” verstehen, haben Großes vor: Sie wollen verhindern, dass das Stadtschloss zu einem Fluchtpunkt nationaler Selbstreflexion und deutscher Kulturwird, sondern vielmehr aus historischer wie aktueller Perspektive den Dialog zwischen den Kulturen der Welt fördern. Vor allem außereuropäische Kunst und Kultur soll in dem neuen Forum, das nach den Gebrüdern Wilhelm und Alexander von Humboldt benannt wurde, ihren Platz finden.

Während in der ersten Etage eine “Welt des Wissens” entsteht, werden auf den darüber liegenden Ebenen Objekte des Museums für Ethnologie und des Museums für Asiatische Kunst präsentiert. Die Pläne sind weit gediehen, und der Anspruch ist hoch: Hermann Parzinger, der Sprecher des Forums, formuliert ein Leitmotiv, dem sich zunächst kaum jemand zu entziehen vermag: Aus dem Wissen um die zivilisatorischen Leistungen anderer Kulturen Respekt wachsen lassen und demonstrieren, dass die Geschichte immer durch Verflechtungen und Kontakte unterschiedlicher Kulturen geprägt worden ist. Dabei müsse, wie die Kuratoren betonen, jede Form der “Exotisierung” vermieden werden. Deshalb sollten vorkoloniale Kulturen ebenso zur Geltung kommen wie – kritisch zu reflektierende – koloniale Repräsentationen. Geplant ist, historische Objekte mit zeitgenössischer Kunst oder unterschiedlichen Formen direkten kulturellen Austauschs zu konfrontieren, religiöse Objekte aus indigenen Kulturen und Kunst stärker als bislang üblich kulturhistorisch einzubinden und insgesamt mehr Verständnis für die Entstehungszusammenhänge der Ausstellungsstücke zu schaffen. Nicht nur in der Kunst, sondern auch im sozialen Bereich soll das neue Stadtschloss ein Treffpunkt der Kulturen werden.

Doch so unumstritten, wie es auf den ersten Blick scheinen mag, ist das “Weltprojekt”, als das Joachim Gauck das Humboldt-Forum bezeichnete, keineswegs.Kritik wird nicht nur an den hohen Kosten laut, die offenbar weit über den ursprünglichen Planungen liegen, sondern auch an der Art und Weise, in der Kulturen repräsentiert werden sollen. So wurde es beispielsweise als “größte Mehrzweckhalle der Republik”  mit mehr Quadratmetern als Ideen tituliert. Es sei bezeichnend, so die Kritiker, dass mehr als neunzig Prozent der bei der Grundsteinlegung anwesenden Personen die wissenschaftliche, kulturelle und politische Elite Deutschlands und Berlins repräsentierten, die in den Museen dargestellten Kulturen jedoch kaum vertreten waren. Darüber hinaus wurde der Bau von zwei christlichen Würdenträgern gesegnet. Handelt es sich hier also doch wieder nur um ein europäisch-abendländisches Projekt, das außereuropäische Kulturen als “das Andere” wahrnimmt und nicht als ebenbürtig versteht und auf Augenhöhe trifft? Kritiker verweisen darauf, dass viele der Ausstellungsstücke als “koloniales Raubgut” zu verstehen und insofern den Ursprungsländern zurückzugeben seien. Einige der ausgestellten Objekte könnten auch die Gefühle indigener Völker verletzen.

Die Träger des Humboldt-Forums wirken offen für derartige Kritik und versuchen, sie durch neue Formen der Begegnung zu entkräften. So organisierte das momentan noch in Berlin-Dahlem beheimatete Ethnologische Museum unter anderem 2014 ein Nevruz-Fest; ein Frühlingsfest, das von ca. 300 Millionen Muslimen in Zentral und Südasien sowie Osteuropa gefeiert wird und mit dem Interesse an islamischen Alltagskulturen geweckt werden soll – auch, um verbreiteten Vorurteilen entgegen zu wirken.

In Berlins Mitte soll ein Ort für ein respektvolles und gleichberechtigtes Zusammenleben der Kulturen und Nationen entstehen, der von Respekt vor der Vielfalt kultureller und gesellschaftlicher Ausdrucksformen getragen wird. Noch ist offen, ob und wie sich dieses Konzept tatsächlich umsetzen lässt. Die Herausforderung ist auch deshalb groß, weil es so schwierig ist, sich von tradierten Denk- und Wahrnehmungsmustern zu lösen und ein Verständnis von Kultur zu vermitteln, das den vielfältigen Verflechtungen, aber auch Spannungen zwischen Kulturen in der Geschichte ebenso gerecht werden kann wie der Komplexität unserer heutigen globalisierten Welt.

Seit April 2015 ist bekannt, dass Neil McGregor, bisher Direktor des British Museums in London, die “Gründungsintendanz” des Humboldt Forums übernimmt. Der renomierte Museumsdirektor ist “ein Glücksfall für die Hauptstadt” wie Die Zeit findet. Es liegt also nun an ihm, die Strukturen der Institution zu schaffen und die Interessen der Mitstreiter, der Humboldt-Universität, dem Land Berlin und den Staatlichen Museen unter einen Hut zu bringen und ein schlüssiges Konzept zu schaffen. Man darf also gespannt bleiben.


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